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Auracast - der Nachfolger von Induktionsschleifen und Telecoils

Barrierefreies Hören neu gedacht
4. Januar 2026 durch
Auracast - der Nachfolger von Induktionsschleifen und Telecoils
Malte Heuer

Von Induktionsschleife bis Auracast: Wie barrierefreies Hören den Sprung in die Zukunft macht

Ob im Theater, am Bahnhof oder bei einer Führung: Hintergrundlärm und Raumhall machen Sprache schwer verständlich – selbst mit Hörgeräten. Es gab viele Assistive-Listening-Lösungen, doch sie waren oft entweder umständlich oder nicht universell. Mit Auracast entsteht nun ein Standard, der Barrierefreiheit und Komfort zusammenbringen kann – in der Praxis meist als Hybrid aus offenen Endgeräten und dedizierten Empfängern.


Warum barrierefreies Audio überhaupt eine Infrastrukturfrage ist

Wer in einem vollen Saal sitzt, am Bahnhof eine Durchsage verstehen muss oder im Museum einer Führung folgt, kennt das Problem: Selbst mit Hörgeräten wird Sprache in halligen oder lauten Umgebungen schnell zum Rätsel. Genau dafür gibt es seit Jahrzehnten Assistive-Listening-Lösungen – nur waren sie oft entweder technisch gut, aber umständlich, oder einfach, aber nicht universell.

In den letzten Jahren zeichnet sich nun ein Wandel ab: Mit Bluetooth LE Audio und Auracast Broadcast Audio entsteht eine herstellerübergreifende Broadcast-Technologie, die Barrierefreiheit und Nutzerkomfort gleichzeitig adressiert.


Klassische Lösungen: Was es früher gab – und wo es hakte

Induktionsschleifen (Hörschleife) und Telecoil (T-Spule)

So funktioniert’s: Ein im Raum verlegter Leiter erzeugt ein magnetisches Feld, das von der T-Spule im Hörgerät oder Cochlea-Implantat aufgenommen wird.

Vorteile:

  • Niedrigschwellig für Nutzer*innen: Umschalten auf T/MT – fertig.
  • Diskret und würdevoll: kein Leihgerät, keine Hygiene-Diskussion.
  • Bewährt und vielerorts vorhanden.

Nachteile:

  • Installation und Einmessung sind anspruchsvoll; Gebäude-Stahl und Störquellen beeinflussen die Qualität.
  • Nicht jedes Gerät hat eine aktivierte T-Spule, und nicht jede Person weiß, wie man sie nutzt.
  • Abdeckung ist an den Loop-Bereich gebunden; außerhalb nimmt die Qualität stark ab.

Kurz: Sehr gut, wenn sauber geplant und genutzt – aber nicht überall konsistent in der Praxis.


Funk-Systeme (FM/RF) mit Leih-Empfängern

So funktioniert’s: Ein Sender funkt Audio an spezielle Empfänger (Bodypacks), die man ausleiht, plus Kopfhörer oder Neckloop.

Vorteile:

  • Flexibel einsetzbar (auch temporär, auch outdoor).
  • Gute Reichweiten möglich.

Nachteile:

  • Hohe Reibung im Betrieb: Ausgabe, Rückgabe, Laden, Hygiene, Einweisung.
  • Kanal-/Interferenz-Management kann komplex werden.
  • Sichtbares Zusatzgerät ist für viele eine Hürde.

Infrarot (IR) – gut „im Raum“, aber abhängig von Sichtlinie

So funktioniert’s: IR-Strahler senden Audio an IR-Empfänger im Raum.

Vorteile:

  • Hohe Privatsphäre: Signal bleibt typischerweise im Raum.
  • Keine Funkinterferenzen.

Nachteile:

  • Sichtlinie nötig: Personen, Säulen oder ungünstige Platzierung verursachen Aussetzer.
  • Sonnenlicht kann stören; draußen schwierig.
  • Wie bei Funk: Leih-Empfänger, Akkus, Hygiene, Verlust.

WLAN-/App-basierte Systeme

So funktioniert’s: Audio wird über lokales Netz oder Internet aufs Smartphone gestreamt; gehört wird über Kopfhörer oder (je nach Setup) Hörgeräte-Zubehör.

Vorteile:

  • Bring-your-own-device kann Leihgeräte reduzieren.
  • Mehrsprachen-Streams und Zusatzinhalte sind möglich.

Nachteile:

  • Komplexität: App, Login, Netzqualität, IT-Support, Latenz.
  • Oft proprietär; Hörgeräte-Anbindung klappt nicht immer ohne Zusatzgeräte.
  • Menschen ohne aktuelles Smartphone können ausgeschlossen werden.

Proprietäre Personensysteme (z. B. Mikrofon-/Empfänger-Ökosysteme)

Solche Systeme sind für Einzel- und Unterrichtssituationen oft exzellent.

Vorteile:

  • Sehr gute Sprachverständlichkeit in schwierigen 1:1-Umgebungen.

Nachteile:

  • Nicht universell: abhängig von Hersteller, Modellen, Zubehör.
  • Eher personenbezogen als als „Venue-Infrastruktur“ gedacht.

Das Muster dahinter: Gute Technik, aber selten ohne Hürden.


Auracast: Broadcast-Audio wird zum Standardbaustein

Auracast Broadcast Audio ist Teil von Bluetooth LE Audio. Statt klassischem Bluetooth-Pairing (1:1) kann ein Sender an viele Empfänger gleichzeitig senden. Nutzer*innen wählen den gewünschten Stream aus – ähnlich wie man ein WLAN auswählt, nur für Audio.

Das ist besonders relevant für Barrierefreiheit:

  • Standardisiert und herstellerübergreifend: kompatible Hörgeräte, Earbuds oder Smartphones können direkt zuhören.
  • Mehrere Streams parallel: z. B. „Hauptton“, „Dialog-Enhancement“, „Deutsch/Englisch“, „Audiodeskription“.
  • Venue-tauglich: Sender lassen sich an bestehende AV/PA-Systeme anbinden – von Veranstaltungen bis Durchsagen.

Mythos vs. Realität: „Auracast = keine Leihgeräte mehr?“

Mythos: Mit Auracast braucht niemand mehr Leih-Empfänger – alle nutzen einfach ihr eigenes Gerät.

Realität: Auracast macht es für viele Menschen deutlich einfacher, mit dem eigenen Hörgerät, Earbuds oder Smartphone zuzuhören – aber in der Praxis wird es auch langfristig Situationen geben, in denen dedizierte Empfänger wichtig bleiben:

  • Nicht jede Person hat ein kompatibles Endgerät dabei (oder möchte das eigene Smartphone nutzen).
  • Veranstalter wollen sicherstellen, dass wirklich niemand ausgeschlossen wird.
  • In großen Gebäuden kann ein Receiver-Konzept außerdem für eine robustere Nutzererfahrung sorgen, z. B. beim Wechsel zwischen mehreren Abdeckungsbereichen.

Kurz: Auracast ist der Standard – Receiver sind der Inklusions- und Zuverlässigkeits-Booster.


Warum ein dedizierter Receiver auch im Auracast-Zeitalter sinnvoll bleibt

1) Inklusion: Nicht alle Gäste haben (sofort) ein kompatibles Endgerät

Selbst wenn der Standard sich durchsetzt, kann man in öffentlichen Räumen selten davon ausgehen, dass 100% der Zuhörer*innen ein kompatibles Hörgerät, Smartphone oder Earbuds dabei haben. Deshalb ist ein Leih-Receiver weiterhin ein wichtiger Baustein, um wirklich niemanden auszuschließen.

2) Große Flächen: Mehrere Sendezellen – aber nahtloser Übergang ist ein Thema

Ein einzelner Sender deckt oft nur einen Teilbereich gut ab. In größeren oder komplexen Gebäuden braucht es mehrere Transmitter für stabile Abdeckung. Gleichzeitig ist der nahtlose Übergang („Handover“) zwischen mehreren Senderzellen mit gleichem Audio in der Praxis nicht immer gleich zuverlässig – abhängig von Endgerät, Umgebung und Bewegung.

3) Betrieb & Verlässlichkeit: Venue-Receiver sind „planbar“

Für Betreiber zählt: planbare Reichweite, definierte Bedienung, Support-Prozess, Zubehör (Neckloops, Kopfhörer), Docking/Charging und Management. Ein dedizierter Receiver macht die Lösung insgesamt greifbarer und im Tagesgeschäft einfacher.


Technik ohne Jargon: Warum große Flächen mehr als „einen Sender“ brauchen

In einer kleinen Location kann ein einzelner Auracast-Sender ausreichen. In vielen realen Umgebungen sieht es aber anders aus: verwinkelte Grundrisse, dicke Wände, mehrere Stockwerke oder große Säle. Damit überall ein stabiler Empfang möglich ist, arbeitet man oft mit mehreren Sendern, die jeweils einen Bereich abdecken – man kann sich das wie Funkzellen vorstellen.

Genau hier kann ein dedizierter Venue-Receiver helfen:

  • Er kann gezielt den besten Sender auswählen und den Übergang optimieren.
  • Für Betreiber wird die Performance dadurch planbarer – unabhängig davon, welches Smartphone oder welche Earbuds jemand mitbringt.
  • Und er schließt gleichzeitig die Inklusionslücke für alle, die kein kompatibles Endgerät dabei haben.

Merksatz: Mehrere Sender sorgen für Abdeckung – ein guter Receiver sorgt dafür, dass sich die Abdeckung auch „wie aus einem Guss“ anfühlt.


Hybrid statt Entweder-oder: So entsteht echte Barrierefreiheit in der Übergangszeit

Ein realistisches Bild ist daher: Koexistenz und Hybridbetrieb.

  • Bestehende Systeme (z. B. Hörschleifen) bleiben vielerorts relevant, um heute schon maximale Abdeckung zu bieten.
  • Auracast ergänzt als neuer Standard die Infrastruktur und macht Mehrkanal-/Mehrsprachen-Streams deutlich einfacher skalierbar.
  • Dedizierte Receiver schließen die Lücke: für Gäste ohne kompatibles Gerät und für anspruchsvolle Installationen mit mehreren Senderzellen.

Fazit: Auracast wird Standard – Receiver machen ihn heute schon „für alle“ nutzbar

Die klassischen Systeme haben wichtige Arbeit geleistet – aber sie brachten häufig Hürden in Betrieb oder Nutzung mit. Auracast ist der nächste logische Schritt, weil es einen offenen, herstellerübergreifenden Broadcast-Standard etabliert, der in Consumer- und Hörgeräte-Ökosysteme hineinwächst.

Gleichzeitig gilt: Echte Inklusion entsteht nicht durch „entweder alle haben’s“ – sondern durch ein Konzept, das sowohl eigene Endgeräte unterstützt als auch dedizierte Receiver bereitstellt und in großen Flächen einen stabilen Betrieb über mehrere Sendezellen ermöglicht.


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META-DESCRIPTION: Vergleich klassischer Assistive-Listening-Lösungen und warum Auracast als neuer Standard entsteht – plus warum dedizierte Receiver für Inklusion und große Flächen wichtig bleiben.